Deep Purple


Deep Purple

Aufprall in Rock


Am 3. Juli veröffentlichen Deep Purple ihr neues und damit 24. Studio-Album „Splat!“. Der Titel basiert auf einer Idee von Frontmann und Songwriter Ian Gillan und bedeutet in etwa „Aufprall“. Im November ist die Hard Rock-Legende Deep Purple für weitere fünf Konzerte auf ihrer „Mad in Europe“-Tournee nochmal in Deutschland live zu sehen.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1968 haben Deep Purple mehr als 120 Millionen Alben verkauft und sich längst einen festen Platz in der Rockgeschichte gesichert. Statt sich auf ihr Vermächtnis zu verlassen, führen Deep Purple es entschlossen weiter, getragen von jenem Spirit, der bereits ihre frühen Alben auszeichnete. „Die jetzige Inkarnation von Deep Purple fühlt sich sehr wie eine heutige Version von Deep Purple aus den siebziger Jahren an“, sagt Frontmann Ian Gillan. Damit meint er die legendäre „Mark II“-Besetzung.

„Im Zentrum von „Splat!“ steht eine von Ian Gillan entwickelte Idee, die geradezu philosophisch anmutet“, sagt Purple-Bassist Roger Glover, wenn er mit den Worten Ian Gillans erklärt: „Das Ende wird nicht als Zerstörung begriffen, sondern als Verwandlung. „Splat!“ erkundet das Ende der Menschheit nicht im Sinne einer kruden Apokalypse, sondern als Metamorphose jenseits der physischen Existenz.“ - Verstehen tut man das vielleicht zunächst nicht. – „Es ist aber nun Mal Ian Gillan, der für die Texte bei Deep Purple verantwortlich ist. Wir haben keinen anderen Text und auch keinen anderen, der unsere Texte schreibt. Gillan kommt ins Studio und wir hören ihm zu, wenn er uns von den Texten erzählt oder sie gar singt und das wars“, so Roger Glover. „Wir nehmen das natürlich auch mit Humor. Bei Deep Purple wird viel gelacht und jeder von uns hat da seinen eignen Sinn für Humor, aber wir sind so autark, dass wir auch den Humor des anderen verstehen und sogar über uns selbst lachen können. So abgefahren Ians Texte auch sein mögen, für mich ist er ein großartiger Texter, gar ein Literat und er hat in der Band alle Freiheiten und unser volles Vertrauen. By the way, würde uns was nicht gefallen, was er abliefert, würde er aufstehen und wortlos gehen und wir säßen da und hätten keinen Text.

Ian Gillan erklärt das Konzept von „Splat!“ mit einem alten Witz: „Was ist das Letzte, was einem Insekt durch den Kopf geht, wenn es gegen die Windschutzscheibe trifft?“, fragt er. „Die Antwort ist: Der Arsch. Von dort aus wird die Idee metaphorisch: ein Individuum, oder in diesem Fall Deep Purple. Er prallt wie ein Insekt gegen eine Glasscheibe und dieser Aufprall wird zum Auslöser für den Übergang in eine neue Form der Existenz. In dem Moment, in dem das Gesicht das Glas trifft und alles abrupt zum Stillstand kommt, scheint die Realität aufzubrechen und die Zukunft durch einen Riss zu offenbaren. In diesem plötzlichen, absoluten Stillstand, die gesamte Geschichte der Menschheit, jede Person, jede Idee und Erinnerung von Anfang an, strömt durch den Geist in ein leeres Jenseits. Dort löst sich alles Physische in einem gemeinsamen kollektiven Bewusstsein auf, nicht mehr gebunden an die Gesetze der Physik. Dieses Bewusstsein nimmt die Form eines wilden Stroms von Symbolen an: berühmte Persönlichkeiten und kulturelle Bilder strömen vorbei wie Ikonen oder Schachfiguren. Gleichzeitig sind alle Spuren verschwunden. Die Menschheit verschwindet von der Erde, als wären Städte vom Dschungelwachstum verschlungen und ausgelöscht worden. Und das innerhalb von Sekunden. Was wie ein Unfall erscheint, ist in Wirklichkeit eine Metamorphose. Kein Ende, sondern ein Sprung in metaphysische Freiheit. Letztlich legt das Konzept nahe, dass diese neue Seinsform keine Maschinen mehr oder Raumschiffe mehr erfordert, denn das Bewusstsein selbst kann überall hinreisen.“

„Gillan ist ein sehr spiritueller Mensch“, sagt Mastermind Roger Glover, der der sogenannten und wohl auch als die populärste geltende „Mark-II-Besetzung“ von Deep Purple und danach so vielen weiteren Häutungen und „Markierungen“ angehört. „Er interessiert sich quasi für alle Philosophien dieser Welt. Er liest viel und schreibt sich seine Gedanken alle in ein kleines Notizbuch, die Basis für seine Texte. Er interessiert sich auch für den Zen-Buddhismus, der wohl auch in solche Texte von „Splat!“ eingegangen ist.“

Anfangs war bei Deep Purple alles noch experimentell und auch aufgrund von Jon Lords „klassischer“ Ausbildung und Vorliebe für Klassik demnach auch etwas „klassisch“, woraus 1969 das „Concerto for Group and Orchestra“-Projekt mit dem Royal Philharmonic Orchestra entstand. „Aber es kam unter uns zu unterschiedlichen Auffassungen über die Zukunft der Band. Ritchie drängte darauf, „härter“ zu werden und es entstand 1970 „Deep Purple in Rock“.

Danach folgten „Fireball” (1971), „Machine Head” (1972) und „Who Do We Think We Are” (1973) und es kam zur Mark III-Besetzung mit David Coverdale und Glenn Hughes. Und Roger Glover ist dann bei Purple ausgestiegen, warum?

Roger Glover: Ich bin nicht ausgestiegen. Ich wurde gefeuert und war deswegen ziemlich sauer. Es kam zu Spannungen während den damaligen Tourneen. Vor allem Ritchie befeuerte die anderen, sich von Gillan zu trennen, bis Gillan schließlich selbst die Kündigung einreichte und ging. Da ich mit ihm befreundet war und Ritchie auch mich anzählte, hat es nicht lange gedauert, bis er auch mich quasi im wahrsten Sinne kurz nach Gillans Weggang aus der Band schmiss.

Die Besetzung von Deep Purple nach Gillan und Glover währte ja bekannterweise nicht sehr lange und führte letztendlich auch zu einem Split und zur Auflösung der Band, die erst 1984 wieder eine Reunion erfuhr. Zurück zum Album „Splat!“. Was kannst Du zu der Entstehungsgeschichte sagen?

Roger Glover: Der Prozess ist eigentlich immer derselbe, seitdem ich 1969 bei Purple mit Gillan zur Band gestoßen bin. So richtig viel hat sich seitdem im Entstehungsprozess eines Deep Purple-Albums eigentlich nicht verändert. Wir verabreden uns immer so für eine Woche in einem Studio und arbeiten an den ersten Songideen. Dann haben wir so 15, 20 oder maximal 25 Songideen, die wir dann einfach einmal so belassen wie sie sind und treffen uns ein paar Wochen später noch einmal, um davon an den Besten weiterzuarbeiten. Dann bleiben ungefähr noch so 15 übrig von denen wir uns versprechen, dass es gute Songs werden könnten und beginnen dann an den dazugehörigen Arrangements zu arbeiten.

Das Album klingt sehr dynamisch und hart, war das so geplant?

Roger Glover: Bei Deep Purple ist nichts geplant. Alles geschieht aus der Situation heraus und es gibt keinen Plan B.

Du bist selbst Produzent für andere Bands gewesen und hast auch schon viele Alben für Deep Purple produziert. Wie schwierig ist es für dich die Kontrolle abzugeben und Bob Ezrin das Produzieren zu überlassen?

Roger Glover: Das ist ganz einfach und das tue ich auch sehr gerne. Als Produzent verbringst du mehr Zeit im Studio wie als Musiker. Und am Ende, wenn sich dann alle das anhören, was du produziert hast, möchte jeder noch einmal da und dort eine kleine Veränderung und weiß irgendetwas besser. Aber der wirkliche finale Mix kann eigentlich immer nur ein einziger, nämlich der Produzent gestalten und auch entscheiden, sonst findet man niemals zu einem Ende. Bob Ezrin kann das sehr gut machen und hat mit Deep Purple auch schon sehr gute Erfahrungen sammeln können und sehr gute Endergebnisse abgeliefert. Der Mix eines Albums ist eine sehr diffizile Angelegenheit und muss mit Bedacht vollzogen werden und vor allem muss es aus einem Guss und damit aus einer Hand geschehen. Am Ende musst du es so machen wie einer meiner Helden: Bob Dylan! Du musst es einfach machen und sich nicht darum scheren, was andere von dir erwarten oder verlangen.

Mit der Arbeitsweise von Bob Dylan scheinst du ja vertraut zu sein und warst auch so begeistert, dass du bei dem Album „Turning to Crime“ (2021) einen Song von Bob Dylan, nämlich „Watching The River Flow“ gecovert hast. Bob Dylan wurde am 24. Mai 2026 85 Jahre alt und ist genauso wie Deep Purple immer noch auf einer sogenannten ja scheinbar nie aufhörenden Konzertreise durch die ganze Welt. Wenn Du die Gelegenheit hättest ein Interview mit ihm zu führen, welche Frage würdest du ihm stellen und welche Relevanz hat er heute noch?

Roger Glover: Mein Gott, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich glaube, ich würde ihn dasselbe Fragen, was ich auch Gillan beim Hören seiner Songtexte immer wieder frage: was steckt hinter all dem, was du da so schreibst? Und ja ich bin ein ganz großer Fan von Bob Dylan. Allein aus dem Grund, weil er wirklich alles ignoriert, was andere von ihm erwarten. Er macht entweder genau das Gegenteil, von dem was, von ihm erwartet wird oder er macht halt einfach das, worüber er denkt, was er zu machen hat. Fertig! Er kümmert sich nicht darum, irgendeine Erwartungshaltung zu erfüllen und darin sehe ich schon eine gewisse Ähnlichkeit zu der Arbeitsweise von Deep Purple.

Ist das der Grund warum eine Band wie „Deep Purple“ schon bald 60 Jahre existiert?

Roger Glover: Das ist mit ein Grund. Ich verwende das Wort stolz nicht so oft und auch nicht so gerne, aber in diesem Falle verwende ich es, weil ich stolz darauf bin, dass wir in der Lage sind, ehrlich zu sein, authentisch zu sein und fünf Charaktere als etwas Ganzes, als eine Einheit darstellen. Wir sind in der Lage, etwas und immer wieder etwas Neues zu gestalten und damit letztendlich authentisch unserem Publikum etwas geben können, was es vielleicht erwartet, ohne dass wir versuchen mit Gewalt diese Erwartungshaltung zu erfüllen und darauf bin ich, - ja, du merkst es, nicht stolz, weil „stolz“ ist das falsche Wort. Ich finde es einfach schön, dass es uns gelingt, mit dem was wir machen, überzeugen zu können, was letztendlich auch Bob Dylan mit jedem Album gelingt.

Du erwähnst in Interviews immer wieder gerne deine Liebe zu den großen Singer/ Songwritern, die sich gerne mit tiefgründigeren Texten beschäftigen, wie zum Beispiel auch Leonard Cohen. Wenn du Leonard Cohen bei einem Interview eine Frage stellen könntest, was würdest du ihn fragen?

Roger Glover: Leonard Cohen ist auch einer jener, der die Grenzen der Oberflächlichkeit überschreitet und mit dem, was er tut, den großen Raum der Tiefgründigkeit betritt. Und er hat natürlich auch eine Geschichte, aus der er das Material für seine Songs zieht. Hat man ihm nicht einmal sein ganzes Geld abgenommen, zweimal glaube ich sogar? Und ist nicht auch einmal einfach so für über zehn Jahre in ein Zen-Kloster gezogen und war für 10 Jahre oder 15 Jahre von der Bühne verschwunden? Was ich ihn fragen würde? Keine Ahnung, vielleicht, welche Schuhe er zu tragen bevorzugt. Leonard Cohen ist einer jener Künstler, die sich mit Dingen beschäftigen, über die sich nicht alle beschäftigen, aber wenn sie sich damit beschäftigt haben, sich andere Menschen beginnen, dafür zu interessieren und sich dann auch damit zu beschäftigen. Wenn ein Künstler, die Gabe hat das zu schaffen, dann ist er einer der wenigen, die aus der Masse herausstechen. Mich interessieren immer diese Art von Künstler, die sich selbst treu bleiben, ohne sich zu kopieren oder ohne so sein zu wollen, wie man es von ihnen erwartet oder so sein wollen wie andere sind. Mich faszinieren Individuen und davon ist Leonard Cohen einer. Er ist sich immer treu geblieben und authentisch geblieben, was ich übrigens als mit die schwierigste Aufgabe im Leben eines Menschen ansehe: sich treu zu bleiben und authentisch zu sein.

Wie sieht der Alltag von Roger Clover aus, wenn er mal nicht gerade im Studio mit Deep Purple oder auf Tournee mit Deep Purple ist?

Roger Glover: Ich arbeite tatsächlich sehr viel und täglich sehr lange. Ich geh selten vor Mitternacht schlafen und stehe morgens schon sehr früh auf und arbeite immer irgendwie an irgendwelchen Projekten. Darüber hinaus mag ich es mich mit der ganzen Familie auch zu beschäftigen in der wenigen Zeit, die mir neben Deep Purple noch verbleibt und ich arbeite schon seit sechs Jahren an meiner Biografie, in der Hoffnung, sie wird im nächsten Jahr tatsächlich erscheinen.

Nimmst du da wie das auch bei Ozzy Osbourne geschehen die Hilfe eines Ghostwriters an oder schreibst du selbst?

Roger Glover: Ich schreibe selbst. Nicht handschriftlich, weil ich dann einfach Angst hätte, dass ich hinterher meine eigene Handschrift nicht mehr lesen kann, sondern ich verwende einen Laptop und lass damit meine Karriere und mein Leben Revue passieren.

Interview und Bilder: Prof. Dr. Christof Graf