Die deutschsprachige Indiepop-Band Die Sterne wurde 1991 in Hamburg ins Leben gerufen, ihre eigentliche Gründung erfolgte aber bereits zuvor in Bad Salzuflen. Daher stammt Sänger/Gitarrist Frank Spilker, heute einzig verbliebenes Gründungsmitglied der Formation. Zusammen mit ihm lasse ich die Geschichte der Band Revue passieren. Ihrer umfangreichen Diskografie fügen sie am 9. Januar mit „Wenn es Liebe ist“ (PIAS Germany) ein neues Album hinzu. Damit festigen Die Sterne ihren bedeutenden Status und gehen im März/April auf eine ausgedehnte DACH-Tournee.
Was ab Anfang der 1990er Jahre in größerem Umfang in Hamburg gelaufen ist (Hamburger Schule) begann schon einige Jahre zuvor in Bad Salzuflen?
Das könnte man sagen. Es fing dort mit dem 1985 gegründeten Fast Weltweit-Label und deren Veröffentlichungen an. Einige der Künstler wie Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Bernd Begemann, Thomas Wenzel (Goldene Zitronen, bis 2018 auch Bassist bei Die Sterne) und ich zogen dann von dort aus nach Hamburg um unsere Karriere mit Nachdruck fortzusetzen.
Was war denn anfänglich der gemeinsame musikalische Nenner der Mitglieder? Wer war damals Mitglied der Gruppe, mit wem davon hast Du heute noch Kontakt?
Vom New Wave kommende die deutsche Sprache, dann vermehrt Funk und HipHop. Ein bewusster Umgang mit Zitaten. Eigentlich bis heute noch. Man konnte und sollte zu der Musik tanzen. Auf der ersten EP wurde ja fast schon gerappt. Thomas Wenzel (Bass, Gesang), Frank Will (Keyboard), Christoph Leich (Schlagzeug, ex-Kolossale Jugend) und ich. Thomas und ich sehen uns gelegentlich in Hamburg. Christoph ist in Berlin und Christoph lebt in der Schweiz, die sehe ich meistens bei einer Tournee.
Mit „Hallo Euphoria“ (2022) war die letzte Umbesetzung abgeschlossen. Wer gehört neben Dir aktuell zu Die Sterne?
Dyan Valdés (Gesang, Keyboard), Jan Philipp Janzen (Schlagzeug) und Phillip Tielsch (Bass).
Du bist seit 35 Jahren der Texter von Die Sterne. Wie wichtig sind die Inhalte? Gehen sie über reine Unterhaltung hinaus?
Ja. Ich erzähle nicht direkt persönlichen Geschichten, wichtig ist was nach der Story kommt. Ich nannte das früher auch mal ´Unterhaltung für schräge Vögel´ mit Wechsel der Perspektive. Mit Bezugspunkten zur Lebensrealität.
Wo wurde das Album aufgenommen, dem ihr u.a. die Singles „Ich nehme das Amt nicht an“ und „Open Water“ vorausgeschickt habt.
Die Vorproduktion haben wir in Hamburg gemacht, die meisten der Aufnahmen dann in der Eifel, im Tonstudio von Thomas D unter der Regie vom Produzenten und Schlagzeuger Philipp, der dorthin sein Equipment aus Köln verbracht hat.
Als Kopf der Band formulierst Du erneut scharf, ironisch und aktuell. Zusammen übersetzt ihr präzise gesellschaftliche Entwicklungen in Musik. Neben deutschen Texten gibt es englischsprachige Songs. Auf zwei Stücken übernimmt Dyan den Gesang und insgesamt hat man den Eindruck, dass die Band mehr in den Vordergrund rückt und die stilistischen Einflüsse breiter gehalten sind.
Durch die Umbesetzungen sind wir final mutiger geworden. Und weder wir noch das Publikum ´fremdeln´ damit. Ja, „Open Water“ wurde komplett von Dyan komponiert/arrangiert, ein Stück das in seiner stillen Intensität überzeugt. Und auf einem weiteren Titel singt sie auch. Damit trifft sie komplett die Sterne-Ästhetik, ohne das Band-Konzept umzukrempeln.
Eure Diskografie ist sehr umfangreich. Wenn Du heute zurückblickst, welche Alben würdest Du selber neben dem neuen als bedeutende Meilensteine der Bandgeschichte einordnen?
„In Echt“ (1994), weil das Album den Mainstream erreicht hat. „Posen“ (1996) und „Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten“ (1997), weil beide kommerziell erfolgreich waren. „Wo ist hier“ (1999) wegen der verwendeten Elektronik. Und „Irres Licht“ (2002) weniger für mich, aber für andere, als Art Résumé der bisherigen Zeitleiste. Und dann „24/7“ (2010) als Art Verjüngung einer neu denkenden Band. Und nach den personellen Umbesetzungen das Album „Die Sterne“ (2020).
Die aktuelle Tracklist umfasst 10 vertraute Indiepop-Momente im typischen Sterne-Sound. Hast Du den ein oder anderen Favoriten auf „Wenn es Liebe ist“?
Einen Favoriten: Immer wenn ich denke, der Song ist mehr als die Summer der einzelnen Teile, egal in welchem Kontext er dann besser funktioniert, im Stillen, zum Tanzen, auf der Bühne.
Bei welchen Labels sind denn insgesamt eure Veröffentlichungen erschienen?
Anfänglich bei L´age d´or, dann bei Sony Music/Epic und zuletzt bei PIAS. Und mit Tapete Records haben wir ein Paket für die Wiederveröffentlichung von sechs Alben zusammengestellt sowie die erste EP und LP. Die Wiederveröffentlichungen sollen Sammlern und jungen Leuten das Vinyl wieder zugänglich zu machen. Da geht es weniger darum in die Charts zu kommen, sondern die Platten im Shop und auf Tour verfügbar zu haben.
Bist Du als Sterne-Mastermind noch auf Nebenprojekte angewiesen, oder kannst Du nach wie vor von der Musik leben?
Die Sterne sind immer noch meine Haupteinnahmequelle. Ich profitiere von dem großen Back-Katalog der Band. Und dann nehme ich ab und an Hörspiele auf und habe ein Buch geschrieben. „Ich Scheiss Auf Deutsche Texte“ erschien 2024 beim Ventil Verlag.
Den Tourneeabschluss am 24. April in Potsdam/Nikolaisaal bietet eine Besonderheit. Es ist ein Auftritt mit dem Filmorchester Babelsberg. Was darf man sich darunter vorstellen?
Eine Reihe, die es schon lange gibt und Arrangeur Max Knoth, der mit uns viel arbeitet, hat den Kontakt hergestellt. Da wird das Programm aufgrund der langen Vorlaufzeit aus älteren Stücken bestehen. Und natürlich ist es super mit einem solchen Klangkörper arbeiten zu dürfen. Max hat alles akribisch vorbereitet und es gibt tatsächlich nur eine Probe vor der Show.
Text: Frank Keil
Bilder: Stefan Braunbart