Aus der Punk- & Straßenmusik-Szene hervorgegangen, haben sich die 1987 in Paris gegründeten Les Négresses Vertes zu einem der bekanntesten Vertreter der französischen Musik im Ausland entwickelt. Ein furioser Mix aller ethnischen Kulturen, die man in Frankreichs Hauptstadt finden kann, trifft bereits auf dem ersten Album „Mlah“ (1989) auf Rock und Chanson.. Es folgten drei Alben: „Famille Nombreuse“ im Jahr 1991 und unterbrochen vom Tode des ehemaligen Sängers Helno durch eine Überdosis Heroin 1993 dann noch „Zigzague“ 1995 und „Trabendo“ 1999. Die Band tourte bis 2001 international und ging in der Folgezeit Soloprojekten nach. Auf die Wiedervereinigung der Négresses Vertes im Jahr 2018 folgt bis heute eine andauernde Best Of-Tournee, die kürzlich auch in Frankfurt/Main, Düsseldorf und Hamburg Station machte und so vorab ein Interview mit Leadsänger/Gitarrist Stéfane Mellino ermöglichte.
Welche Gründungsmitglieder außer Dir gehören zur aktuellen Besetzung der Band?
Nur Mich Ochowiak (Trompete, Gesang), komplettiert wird das Sextett von Francois Tousch (Akkordeon, Gesang), meiner Frau Iza Mellino (Percussion, Gesang), Gwen Badoux (Posaune, Gesang) und Matthieu Rabaté (Schlagzeug).
Du bist 1960 in Algerien geboren und aufgewachsen. Welche musikalischen Einflüsse haben Dich inspiriert?
Die Musik meiner Eltern, Chaabi, früher Rai und französische Chansons. Später dann Beat- und Rock-Bands wie die Rolling Stones.
Wie haben Les Négresses Vertes, der Bandname entsprang einer Beschimpfung aus frühen Jahren, denn angefangen?
Als anarchisches Punk-Kollektiv mit bis zu 12 MusikerInnen auf der Straße und in U-Bahnhöfen, mit Ska, Flamenco, Rai, Chanson und arabischer Musik. Mit politischen Songs, die vom alltäglichen Leben erzählten, oft voller Satire und Ironie. Und immer dabei das Akkordeon, was den Sound so unverwechselbar gemacht hat. Nimm zum Beispiel den Text zu einem unserer größten Hits „Voila L´été“, er handelt von einem Mann der sich negativ darüber auslässt, dass er die Ferien im Sommer zuhause in Paris verbringen muss.
Die erste Studioaufnahme der Gruppe erfolgte auf dem Kleinstlabel ´Off the Track´ des Schotten Peter Murray. „200 Ans D'Hypocrisie“ erschien auf einem Sampler, richtig?
Ja, zur 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution und war die französische Variante des Beitrags der Sex Pistols zum Krönungsjubiläum der britischen Königin 1977.
Als streunende Großfamilie seid ihr um die Welt gezogen und habt eigentlich immer auf Französisch gesungen, oder?
Auf Französisch und ab und an auf Spanisch. Zwei englische Ausnahmen gab es aber, für einen Cole Porter-Tribut-Sampler haben wir „I love Paris aufgenommen“ und später dann noch für einen Elvis Presley-Tribut-Sampler den Titel „Marguerita“.
Das zweite Album „Famille Nombreuse“ erhielt 1991 Doppelgold in Frankreich, zwei Jahre später starb Sänger Helno an einer Überdosis Heroin? War das Aus der Band damit beschlossen?
Nein, aber wir mussten uns erst einmal intern mit seinem unerwarteten Tod auseinandersetzen. Wir teilten die Gesangsparts zwischen den verbliebenen Mitgliedern auf und ich rückte ein wenig mehr in den Vordergrund. Wir hatten auch überlegt, den belgischen Sänger Arno als Ersatz für Helno anzufragen, was die Plattenfirma damals aber nicht wollte. Später kam heraus, dass Arno sich selber bei uns bewerben wollte, es aber final auch nicht tat. Les Négresses Vertes haben dann ja ab 1994, als die Helno-Hommage „Zig Zague“ erschien, bis 2006 weitere Alben aufgenommen, darunter die sehr erfolgreiche Live-Veröffentlichung „Green Bus“, eine Referenz an unseren alten Mercedes Tourbus.
Wie hast Du persönlich die längere Auszeit von Les Négresse Vertes zwischen 2007 und 2017 genutzt?
Vornehmlich mit meiner Frau im Duo Mellino als Songwriter, Komponist, Sänger und Gitarrist. Wir haben drei Alben veröffentlicht und über 600 Konzerte gespielt, unterstützt von der klassischen Gitarrenfirma Alhambra Guitarras. Und ich habe als Produzent gearbeitet.
Mit „Le grand déballage“ (2002) und „A l´affiche” (2006) erschienen zuletzt zwei Best Of-Veröffentlichungen der Band. Habt ihr nach der Reunion 2018 daran gedacht nochmals neue Songs aufzunehmen?
Nein, nicht wirklich. Es ging primär darum, die alten Songs, darunter viele Hits wie „Zobi La Mouche“, „Famille Heureuse“ oder „Après La pluie“ im neuen akustischen Gewand und in neuen Arrangements zu präsentieren. In einer Art Best Of-Show.
Wie ich in Hamburg sehen konnte, ist die Zahl eurer jungen Fans überschaubar, dafür kommen umso mehr ältere MusikliebhaberInnen, welche die Band bereits aus den 1990er Jahren kennen.
In Deutschland ist es wohl so, in Frankreich kommen aber viele Familien, wo die Jugendlichen uns über ihre Eltern entdeckt haben.
Wer so wie Du viel tourt, freut sich bestimmt über die ein oder andere Auszeit zuhause, zumal Deine Frau ja jetzt auch mit unterwegs ist. Was macht ihr dann am liebsten?
Wir wohnen in einem Vorort von Paris und haben einen Garten. Aber am liebsten gehe ich zum Angeln, das habe ich schon in Algerien geliebt, als ich mit meinem Vater unterwegs war. Unsere Töchter sind jetzt erwachsen und ausgezogen. leben aber in der Nähe. Ansonsten lesen wir viel und schauen auch gerne mal Serien oder Filme auf Netflix.
Text:
Frank Keil I Bilder: Benjamin Pinard
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