Nick Cave, Leonard Cohen & Lawinen


Nick Cave, Leonard Cohen & Lawinen

„Avalanche“ oder ein Buch über den Vergleich zweier Rockpoeten



Der eine, der australische Singer/ Songwriter und Ex-Gothic-Punk-Rocker Nick Cave (geb. 22.9.1957) absolvierte 2026 eine überaus erfolgreiche wie beeindruckende „Summer“-Tournee. Mit im Gepäck sein letztes Studio-Album „Wild God“ (2024) und Klassiker wie „Mercy Street“, „The Weeping Song“ oder „Into My Arms“. Der andere, der kanadische Rockpoet Leonard Cohen (geb. 21.9.1934) ist vor zehn Jahren am 7. November 2016 verstorben. „Avalanche“ war 1971 das Auftakt-Lied von Leonard Cohens drittem Album „Songs Of Love And Hate“. Es war Cohens wohl düsterstes wie auch tiefgründigstes Album seiner Karriere. Nick Cave hatte sich in das Album und den Song bereits mit 14 Jahren verliebt und singt den Song auch heute noch. Über den Song „Avalanche“ und den Vergleich der beiden „Rockpoeten“ Nick Cave und Leonard Cohen veröffentlicht ASW- und htw-Prof. Dr. Christof Graf nun ein Buch als „Band 7“ seiner sogenannten „The Cohenpedia Series“. POPSCENE-Redakteur Markus Brixius unterhielt sich mit dem Autor.

„Nick Cave & Leonard Cohen – Avalanche” ist bereits der siebte Band der „The Cohenpedia Series“. Wieviel sind davon noch geplant und wie ist die „Buch-Serie“ überhaupt entstanden?

2016 entstand die Idee, eine Art „Leonard Cohen-Lexikon“ zu schreiben. Als jahrzehntelanger Leonard Cohen-Autor und Archivar und seit 1996 Betreiber der ältesten bilingualen Leonard Cohen-Website „cohenpedia.de“, stellte ich nach den zwei Biografien, die ich über Leonard Cohen 1996 und 2010 geschrieben hatte, schnell fest, dass ich viel zu viel Material für nur einen Band des Lexikons hatte. Also brachte ich gleich Band 1 und 2 heraus, und all das, wie z.B. Setlists der Tourneen oder sogenannte „Spoken Words“ bei Konzerten, kamen danach in Band 3. Dann entstand die Idee, daraus eine zehnbändige „Lexikon-Serie“ entstehen zu lassen. Jeder Band mit unterschiedlichem Themenschwerpunkt. Band 4 ist eine Art upgegradete Re-Print-Version meiner 1994er Dokumentation von Leonard Cohens 1993er „The Future“-Worldtour mit einem ausführlichen Interview mit Andrew Eldritch, der seine Band „The Sisters Of Mercy“ nach einem Song von Leonard Cohen benannt hat.


Und dann?

Dann kam die Pandemie, die Lock Downs und die Idee weiter im Archiv zu stöbern und an weiteren Bänden zu arbeiten. Ich wollte eine Farbpalette von Grautönen im Werk von Leonard Cohen darstellen, was sich auch in den Grundfarben der jeweiligen Bände widerspiegelt. Band 1 war weiß, Band zehn wird schwarz sein, dazwischen jeweils eine zehnprozentige Abstufung verschiedener Grautöne. Band 5 handelt von den jeweils letzten Alben von David Bowie und Leonard Cohen, die beide leider 2016 verstarben und im gleichen Jahr ihr jeweils letztes Album, das sich mit ihrem eigenen nahenden Ableben beschäftigten. Und Band 6 ist eine Art Mischung aus einer Hommage an die britische Prog Rock-Band Marillion und einer Liebeserklärung an Leonard Cohens Heimatstadt Montreal. Ich begab mich dort auf Spurensuche und entdeckte etwa 60 Locations, die mit Leonard Cohens Leben zu tun haben. Ich besuchte sein Geburtshaus, sein Wohnhaus, seinen Bagel Shop, sprach mit Freunden von Cohen in Montreal und es entstand eine Art „Leonard Cohen Montreal Stadtführer“, von dem es auch eine Google-Maps-Karte gibt und auch Marillions Bezug zu Leonard Cohen thematisiert.

Und was steckt nun hinter dem siebten Band, mit dem verheißungsvollen Titel „Nick Cave & Leonard Cohen – Avalanche“?

Ich suche immer wieder nach neuen Ansätzen, mich mit Leonard Cohens Werk zu beschäftigen. Und nach Bob Dylan und Leonard Cohen ist aus meiner Sicht Nick Cave die Nr. 3 der ganz großen Popliteraten unserer Zeit. Ich wollte schon immer mal ein Buch über Nick Cave schreiben. Aber es gibt bereits zu viele und letztendlich wäre es nur Nick Cave selbst, der das beste Buch über sich schreiben könnte. Die Idee zu dem Besuch kam mir, als ich begann einen Text für die vom 6.-8. Oktober 2026 stattfindende „Leonard Cohen - Global Perspectives on a multi-disciplinary Artist”-Veranstaltung zu schreiben, eine internationale Konferenz für multi-disziplinäre Kunst bzgl. Leonard Cohen an der Universität Ghent/ Belgien.

Und dort hälst Du einen Vortrag?

Ja, ich reichte ein „Abstract“ über den Vergleich der zwei Rockpoeten Nick Cave und Leonard Cohen ein und wurde eingeladen darüber einen Vortrag zu halten. Aus einem kleinen Vortrags-Handout wurde zunächst ein kleines akademisches Essay und schließlich ein 230 Seiten-Buch. Im Mittelpunkt steht der Song „Avalanche“ von Leonard Cohens „Songs Of Love And Hate“-Album (1971). Nick Cave machte davon eine beeindruckende Cover-Version als Opener des Debütalbums „From Her To Eternity“ (1984) von Nick Caves Band „The Bad Seeds“. Aber in dem Buch geht es um so viel mehr, was den Vortragsumfang geradezu sprengte.

Und das wäre …

Das Buch beginnt mit einer Songanalyse. Diese ist etwas theoretisch ja, aber dann begann auch ich in eine „Avalanche“ (Lawine) zu geraten und recherchierte mehr und mehr und der Vergleich zwischen Cave und Cohen ging anhand derer Live-Performance und Bildwelten immer tiefer. Für mich sind beide nicht nur Rockpoeten, Singer/ Songwriter, sondern Wortschmiede, Maler von imaginären Bildern aus Sprache, Performer ihrer Kunst und vor allem eben auch Philosophen unserer Zeit.

Was reizte Dich, in dem Buch Leonard Cohen nach David Bowie nun mit Nick Cave zu vergleichen?

Nick Cave ist wie Cohen ein mehrdimensionaler Künstler. Er ist keiner, die nur ein neues Album aufnehmen und damit auf Tour gehen. Nick Cave ist ein intelligenter Meister der Erzählkunst und nach Dylan und Cohen der beeindruckendste Philosoph des 21. Jahrhunderts in der Welt der Populären Künste. Er beherrscht es, gegenwärtige Geschichten zu Erzählungen über die Zukunft zu machen und offeriert gleichzeitig einen Blick in das menschliche Innere, ähnlich wie es Cohen tat. Und er ist nicht nur Musiker, sondern auch Schriftsteller und obendrein ein begnadeter Entertainer, was er bei seinen fast dreistündigen Performances auf der „Summer`26“ Europatour erneut bewies. Zudem weiß er sich nie selbst zu kopieren, sondern immer wieder neu zu erfinden. Er bleibt nicht stehen und hält dennoch an der Basis fest. Das verbindet ihn mit Cohen. Beide sind bzw. waren extrem authentisch in ihrer Kunst- und Lebensweise. Beide erfuhren tragische Veränderungen in ihren Lebensstilen, beide kreierten daraus ihre Kunst.

Hatten Nick Cave und Leonard Cohen persönlich miteinander zu tun?

Es gibt viele Geschichten und Statements gegenseitiger Anerkennung, aber getroffen haben sie sich nie, was mir Nick Cave bei einem von mehreren Gesprächen, während der Conversations-Konzerte 2019 und 2020 bestätigte. In dem Buch sind erstmals sämtliche Äußerungen von Nick Cave über Leonard Cohen und umgekehrt komplett in Buchform enthalten. Nick Cave bekam einmal eine E-Mail von Leonard Cohen und auch eine öffentliche Anerkennung, aber getroffen haben sie sich nie.

Hat sich Leonard Cohen einmal über Nick Caves Coverversion von „Avalanche“ geäußert?

Ja, er meinte, Cave hätte seinen Song geschlachtet.

Und was sagte Cave über Cohen?

Dass Leonard Cohen z.B. der erste Singer/ Songwriter war, den er für sich selbst entdeckte. Es gibt so viel Schönes, was Cave über Cohen sagte, wie z.B.: „Er sei das Symbol seiner musikalischen Unabhängigkeit“.

Um was geht es in dem Song „Avalanche“

Es ist ein Lied das vielfältige, tiefgreifende, spirituelle und psychologische Interpretationen zulässt. Es ist ein Lied voller Bilder, ein Lied als Metapher für so Vieles, wie z.B. zwischenmenschliche Beziehungen. Es geht darin um eine schwierige Situation, die zu bewältigen ist, um Suche nach Erlösung, Hoffnungslosigkeit. Manche sehen in dem Song auch ein Lied über Mutter Natur. Letztendlich kultiviert Cohen in dem Lied die Melancholie, die man ihm immer gerne nachsagte und der sich auch Cave hingezogen fühlt. Und die – auch teils biblischen - Bildwelten, die er dabei verwendet ähneln jenen, die später auch Cave in seinem eigenen Liedgut verwendet. Es gibt aber noch sehr viele weitere Parallelen zwischen Cave und Cohen, wie z.B. deren Vorlieben für das Enigmatische, das Elegische und letztendlich auch ihre Beziehung zu ihrem Publikum.

Gibt es neben „Avalanche“ noch andere Cohen-Songs, die Cave gecovert hat?

Ja, tatsächlich knapp zehn, wie z.B. „Tower Of Song“, „Famous Blue Raincoat”, “Suzanne”. Ich gehe darauf ausführlich auch in meinem Leonard Cohen-Podcast („Be Kind- Der Leonard Cohen Podcast) ein, den ich mit dem Liedermacher Rolf Ableiter (fieldcommander-c.de) produziere.

Hat auch Cohen einmal einen Cave-Songs gecovert?



Nein

Du sprachst davon, dass es schon so viele Bücher über Nick Cave gibt. Was macht Deines anders?

Es enthält neben der Song-, Performance- und Dialog-Analysen auch eine biografische Timeline mit vollständiger Diskografie beider Künstler sowie über 100 bis dato unveröffentlichte Fotos von Cave und Cohen.

Interview: Markus Brixius Fotos: Prof. Dr. Christof Graf


„Nick Cave & Leonard Cohen – Avalanche“ – Vergleich zweier Rockpoeten – The Cohenpedia Series Vol. 7, COD-Verlag, Saarbrücken, 2026; ISBN 978-3-945329-22-1; ca., 230 Seiten, 100 Fotos (SW); Euro: 19,90.-Infos unter: www.cohenpedia.de oder info@cod.de.