Nina Hagen


Nina Hagen

Unüberhörbares Gospel-Feuerwerk


Mit „Highway To Heaven“ (Grönland Records) veröffentlicht die Ausnahmesängerin ein außergewöhnliches 20. Studioalbum dessen erste Auskopplung „Somebody Prayed For Me“ (Single & Video) bereits für große Aufmerksamkeit sorgte. Auch mit den 13 weiteren Stücken wird deutlich, warum die am 11. März 1955 in Ost-Berlin geborene Künstlerin zu einem Weltstar wurde. Stilsicher, voller Hingabe, Humor und Liebe gelingt es ihr den ausgewählten Originalen u.a. durch namhafte Freundinnen wie Nana Mouskouri und Gitte Hænning eine zeitgemäße Note zu verleihen. Grund genug zusammen mit Nina ihre langjährige Karriere Revue passieren zu lassen.



Deine Mutter war die renommierte Sängerin/Schauspielerin Eva-Maria Hagen. Bist Du als Kind/Jugendliche über das Elternhaus hinaus mit Musik und Theater in Berührung gekommen?

Ja, schon als Kind habe ich in der Schallplatten-Sammlung meiner Eltern Gospel-Musik von Mahalia Jackson und auch Ella Fitzgeralds „Oh, Dr. Jesus“ aus „Porgy & Bess“ entdeckt, und später als Teenager habe ich sehr viel im Berliner Ensemble gesessen und viele Aufführungen erlebt, darunter natürlich die „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill. Da ist meine Bühnenpersönlichkeit entstanden. Und dann haben Radioprogramme vom RIAS mit Lord Knut und SFB wie SF-Beat und TV-Sendungen wie z.B. Beat-Club mein Interesse an Rockmusik geweckt. Und so habe ich im Reinhard-Lakomy-Chor und in der der Band Inkognito meine ersten Erfahrungen als Amateur-Sängerin sammeln können, bevor ich dann Profi-Sängerin wurde.



Nach deiner Gesangsausbildung zur staatlich geprüften Schlagersängerin bist du bei der Gruppe Automobil eingestiegen. Die Bandkollegen Heubach/Demmler schrieben dann mit „Du hast den Farbfilm vergessen“ deinen größten Hit in der DDR. Um was ging es inhaltlich?

Um ein ironisches Statement zum grauen DDR-Alltag, bei dem der Schlager parodiert werden sollte. Dabei hatten wir mit Stücken wie „Was denn…?“ weitere, stets unterbewertete Hits.



Kurt Demmler war einer der erfolgreichsten Songtexter der DDR, wurde ab 2000 in der Bundesrepublik wegen sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Mädchen angeklagt und beging 2009 in Untersuchungshaft Suizid. Trotzdem wählte ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel das Lied in neuer Fassung als einen von drei Titeln bei ihrer Verabschiedung, dem Großen Zapfenstreich, aus. Hat dich das überrascht?

Er konnte mit der Schmach nicht mehr leben und hat einen hohen Preis bezahlt. Die Auswahl von Frau Merkel hielt ich zunächst für Fake-News und konnte es nicht glauben. Aber ich fand es schön. Wir liegen ja altersmäßig nicht weit auseinander, auch wenn wir uns charakterlich sehr unterscheiden. Aber Unikum und Individuum sind wir beide.



Ende 1976 hast du die DDR verlassen und bist direkt nach London gezogen. In der dortigen Punk-Szene fandest Du Beruf und Berufung zugleich?

Über meine Freundin Juliana Grigorova, die in London an der Filmschule studierte und mich für eine Hauptrolle in ihrem Film „The Go-Blue-Girl“ engagierte, lernte ich u.a. den Filmregisseur Julian Temple und die Sex Pistols kennen. Dann auch Punk-Ikone Ariane Forster, Ari Up von The Slits, mit der ich eng befreundet war. So bin ich dem englischen Punk sehr nah gewesen, noch bevor er in Deutschland ankam.



Mit der Nina Hagen Band hast du zwei prägende Punk-/New Wave-Alben aufgenommen, das gleichnamige Debüt und den Nachfolger „Unbehagen“, der aufgrund von Differenzen getrennt eingespielt wurde. Zu Reinhold Heil hast Du ja ein freundschaftliches Verhältnis.

Die Alben waren mehr als Punk/New Wave. Nina Hagen mit vielen Facetten, von Pop über Reggae bis Rock. Mit Reinhold hatte ich nie ein Problem, er hat später als er in den USA lebte, noch Stücke von mir produziert. Das Problem waren die Drogen, es wurde zu viel gekifft. Das setzte sich später in den Niederlanden bei Hermann Brood & The Wild Romance fort, nur da war es noch schlimmer, denn es ging um Kokain und bei Hermann auch um Heroin. Das war alles zu viel für mich, Drogen sind scheiße. Das ist die Wahrheit.



Ab dem Album „NunSexMonkRock“ (1982) hast du eine international erfolgreiche Solokarriere begonnen, die bis heute andauert. Wenn Du auf Deine umfangreiche Diskografie zurückblickst, welche Meilensteine haben diese geprägt?

Ich finde: Mein ganzes Leben ist ein Meilenstein. Und daher gibt es auch bald einen neuen Dokumentarfilm mit viel unveröffentlichtem Material über mich. Von Produzentin Dagmar Konsalik.



1981 wurde Deine Tochter Cosma Shiva geboren, 1990 Dein Sohn Otis. Hat Dich die Mutterrolle auch als Künstlerin verändert?

Wir sind ein super Team und ich liebe meine Kinder sehr! Aber ich wollte schon viel eher ein Kind. Meine frühere Kollegin Angelika Mann, die ´Lütte´ genannt, leider schon viel zu früh von uns gegangen, hatte damals einen Hit „Ich wünsch mir ein Baby sehr“ der mich begeistert hat. Und Otis hat mich schon zur Großmutter einer Berliner Jamaikanerin gemacht.



Herbert Grönemeyer hat 1999 das Plattenlabel Grönland Records gegründet. 2022 erschien dein Album „Unity“ bereits dort. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Ich habe ihn bei einer gemeinsamen Fernsehsendung getroffen. Und habe „Männer“ in meiner Version veröffentlicht. So haben wir uns kennen- und schätzen gelernt. Und es macht riesig Spaß mit diesem jungen Team zusammenzuarbeiten.



2010 hast du auf „Personal Jesus“ bekannte Gospel- und Blues-Stücke neu interpretiert, richtig?

Ja, genau, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Musiker und Produzenten Paul Roessler. Ich habe schon als Kind angefangen Gospel-Stücke auf Vinyl zu hören, Schallplatten, die meine Mutter besaß. Diese Musik feiert Liebe, Glauben und Vertrauen, zwischenmenschlich und zu unserem Schöpfer. Da muss man sich doch anstecken lassen. Und was viele gar nicht wissen: Direkt ein Jahr später habe ich ein deutschsprachiges Gospel-Album, auch auf Universal, veröffentlicht, „Volksbeat“. Da waren gute Lieder wie „Jesus ist ein Freund von mir“ oder „Ich lass mir doch vom Teufel nich…“ drauf. Und auf „Unity“ (2022) war auch der ein oder andere Gospel zu finden, schon produziert von Warner Poland, der beim neuen Album wieder dabei war.



Auf „Highway To Heaven” mit seinen 14 Stücken zwischen „Everybody´s Gonna Have A Wonderful Time Up There” und “Gospel Ship” veredelst du Großartiges aus diesem Genre. Es ist eben eine Schatzkiste ohne Boden, in der es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Nimm z.B. nur Mahalia Jackson. Als „Queen Of Gospel” war sie das Bindeglied zwischen Blues und Soul. Oder Rosetta Tharpe, als Sängerin/Gitarristin hat sie maßgeblich den Rock´n Roll geprägt, nicht nur Elvis Presley ließ sich von ihr inspirieren! Und übrigens, auf dem einzigen deutschsprachigen Album-Titel, „Alle wollen in den Himmel“ spiele ich sogar Gitarre.

Mit Gitte Haenning und Nana Mouskouri gibt es zwei überraschende Partnerinnen auf „There´s A Highway To Heaven“ und „Never Grow Old“. War es schwer die beiden zur Zusammenarbeit zu überzeugen?

Gitte liebe und verehre ich seit den 1960er Jahren. Sie habe ich mit „Ich will ´nen Cowboy als Mann“ entdeckt. Später hat sie ja auch Jazz und Gospels gesungen. Sie lebt in Berlin und wir sind befreundet. Und ich könnte für Glück platzen, dass sie mit mir den Titelsong „There´s A Highway To Heaven“ eingespielt hat. Und Nana kenne ich seit 1989, seit einem gemeinsamen Duett in Paris, „Lili Marleen“. Und „Never Grow Old“ von James C. Moore ist eine tolle neue Kooperation mit Nana und mir geworden.



Neben der Künstlerin gibt es auch die private Nina Hagen. Wobei kannst du am besten vom Musikbusiness entspannen.

Ich liebe Musik und nehme als bedingungslos geliebtes Kind Gottes am Leben teil. Ich bin eine Friedensaktivistin die gerne Gedanken-Yoga macht. Denn wir müssen dem Frieden nachjagen, nicht der Kriegstüchtigkeit!



Text: Frank Keil I Bilder:

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